Mit den Panikattacken ist es ja so eine Sache.
Es ist eigentlich zum Kaputtlachen - wenn man mal so ehrlich ist. Dafür muss ich kurz ausholen (Moment ... )
Du befindest dich in einer vollkommen normalen Alltagssituation und plötzlich packt es dich von hinten an der Kehle und du denkst "Verdammt es geht zu Ende - ich habs doch gewusst". Untermalt wird das ganze von einer Symphonie körperlicher Symptome, die deine brilliant zusammenkomponierte Theorie - nämlich die vom bevorstehenden Exodus - erst so richtig ins rechte Licht rücken.
In meinem Fall sind da Herzrasen, kalter Schweiß, Schwindel und verschwommene Sicht (wenns ganz hart kommt) die Mittel der Wahl. Manchmal experimentiere ich auch mit kribbeligen Extremitäten und Ohrensausen. Ein absoluter Evergreen ist zudem der Kloß im Hals.
Dieses bunte Potpourri an (Todes)Qualen spult mein Körper also immer gerne ab, wenn mein Hirn den Einsatz gibt. Und das Orchester ist so gut geübt, dass mein Hirn nicht mal den Taktstock heben muss, um das Stück in Gang zu bringen. Ein kurzes Zucken mit der Augenbraue reicht da schon mittleweile - ein gut eingespieltes Team der Hirndirigent und das Körperorchester.
Das Augenbrauenzucken ist dann ein Gedanke oder eine Situation oder sonst was Belangloses. Aber es reicht, um das Orchester dazu zu bringen, die ganze komplette Paniksymphonie vom Stapel zu lassen.
Bei mir gibt es da so ein paar Grundängste, die da gut funktionieren. Werden die dann durch irgendeinen komischen Zufall antouchiert, geht's rund.
Was bei mir so gar nicht geht, sind Leute, die ohnmächtig werden.
(Ich weiß, das klingt fies. Die armen Ohnmächtigen können ja auch nix dafür.)
Weil mir das selber nämlich ganz dolle widerstrebt. Da wirds einem dann schwarz vor Augen, du verlierst voll die Kontrolle, fällst um wie ein Baum - und alle sehen es. Und dazwischen kann einem ja allerhand Kompromittierendes geschehen (ich sag's euch).
Das ist so ne Angst.
Dann gibt es aber auch so Situationen. Vor denen hat man an sich nicht Angst, aber irgendwann wollte es der Zufall mal, dass das Panikorchester ein kurzes Gastspiel in dieser Situation gegeben hat und seitdem fühlt man sich da nicht so recht wohl drin. Also in der Situation.
Und jetzt komm ich zum Punkt: Eine solche Situation ist bei mir das Fitnessstudio.
Es darf gelacht werden. Denn ja - an dem Ort, an dem Menschen etwas für ihre Gesundheit tun, bekomme ich hin und wieder Angst um mein Leben.
Vorzugsweise auf diesen furchtbaren Fahrrädern. Auf so einem hatte ich meine erste Panikattacke ever. Und seitdem sind mir die Dinger nicht mehr so geheuer.
Ich hab seitdem auch lange einen Bogen ums Fitnessstudio gemacht (und um diese Teufelsräder). Aber mein Gott - so kanns ja nicht ewig weiter gehen. Hab ich mir gedacht. Und mich vor etwa einem Jahr wieder im Fitnessstudio angemeldet.
Hab mir extra ein wenig Besorgniserregendes ausgesucht. Das sieht so spa-mäßig aus mit vielen Grünpflanzen, viel Platz (Klaustrophobie olé), beruhigender Deckenbeleuchtung und angenehmen Klängen aus unsichtbaren Lautsprechern. Außerdem gehen da alle Arten von Menschen hin. Nicht nur die Arnold-Schwarzeneggers-Next-Generation, die dich wie Luft behandeln und die Jane-Fondas-Next-Generation, von denen du dir wünschst, sie würden dich wie Luft behandeln und dich nicht so offensichtlich-entsetzt anstarren wie du da deinen untrainierten Hintern auf dem Crosstrainer unvorteilhaft nach links und rechts bewegst.
Da gehen eben auch andere hin. Ältere Leute, rappeldürre Leute, total dicke Leute und solche wie ich halt.
Am Anfang war da auch alles gut. Ich war regelrecht begeistert und hochambitioniert. Sogar das Teufelsrad bestieg ich regelmäßig.
Und dann ließ ich mir so ne voll tolle Trainingspulsuhr aufschwatzen.
Dieses Unding interagiert mit den Fitnessgeräten. Mein Puls erscheint mir in roten Lettern mit einem daneben hilflos blinkenden Herz-Symbol auf einem Display direkt vor meinen Augen, während ich trainiere, sodass ich sekündlich checken kann, ob mein Herz gleich explodiert. Und der Supergau: Das Teufelsrad gibt einen Piepston von sich, wenn der Puls die Schallmauer von 155 durchbricht (Das Rad bezeichnet das als Wechsel von "Optimum" zu "High"). Klingt wie die Puls-Piepsgeräte, an die dem Tode nahe Patienten in Krankenhäusern angeschlossen werden. Ich kann jedes Mal schon die Nulllinie hören. Piep Piep Piiiiiieeeeeeep. Tot.
Wir zählen also zusammen: Fitnessstudio + Teufelsrad + beschleunigter Herzschlag + Gerät, das einen Alarm abgibt bei beschleunigtem Herzschlag.
Das Ergebnis ist absehbar: Das Panikorchester lässt es richtig krachen und mehrere Orchestermitglieder headbangen dazu - also volles Programm.
Praktisch für die Fitness allerdings: Das Adrenalin verleiht dir ungeahnte Superkräfte und man tritt so schnell in die Pedale, dass man von der Seite aussieht wie der Roadrunner.
Aber trotzdem: Für die Pulsuhr und mich konnte es keine Zukunft geben. Wir machen im Moment eine Beziehungspause.
Damit ist die Gefahr jedoch leider nicht gebannt, wie ich erst gestern feststellen musste.
Ich saß auf dem Höllenrad und trat in die Pedale. Links und rechts von mir bestiegen plötzlich beide Teile eines älteren Ehepaars die Räder und unterhalten sich über meinen Kopf hinweg. An sich schon nervig.
Irgendwann kam noch der Trainer dazu und mischte sich mit ins Gespräch ein. Und erzählt, wie vor wenigen Tagen vorne an der Shakebar ein junger Mann "zack bumm" umgekippt ist.
"Da hab ich sowas Dumpfes gehört".
Ja.
Und schon gings los. Umkippende Menschen.
Und das Ehepaar steigt voll drauf ein. Der Mann vom Ehepaar würde auch oft ohnmächtig.
"Das sehe ich ihm vorher schon an, da wird der immer ganz grau." (Grau! Zombis sind grau!)
Und ich mittendrin der Roadrunner am Durchdrehen. Grässlich, dass dieses Rad sich nicht von der Stelle bewegt.
Der Mann ergeht sich in detaillierte Ausführungen darüber, wie es ist, wenn man ohnmächtig wird. Die Frau ergänzt das Bild durch die Sicht als Augenzeugin. Und der Trainer bestätigt immer wieder wie schrecklich das ist.
Ein Glück nur, dass ich die Pulsuhr nicht an hatte und das Rad nicht piepen konnte. Hätte sich wahrscheinlich angehört wie eine missachtete Einparkhilfe. Piep Piep Pippipipipip Pippippipppppiipppippippiip Pieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeep. Tot.
Man ringt dann immer so mit sich. Weil man soll ja in der Paniksituation nicht die Flucht ergreifen.
Nachdem ich die Zeit, die ich mir vorgenommen hatte, abgestrampelt hatte, konnte ich dann dafür in meinem imaginären goldenen Buch vermerken:
Teufelsrad in Kombination mit Ohnmachtsgesprächen erfolgreich überlebt.
Tschakka!
Mittwoch, 29. April 2015
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