Dienstag, 17. März 2015

Zeit

Heute starb eine Frau direkt vor unserem Haus.
Hätte ich heute um 14 Uhr nicht in der Redaktion einen Kaffee getrunken und über meinem Artikel gebrütet, sondern wäre zu Hause in meinem Lesesessel gesessen und hätte zufällig aus dem Fenster gesehen, hätte ich den Unfall mit eigenen Augen gesehen.

Und ich kann nicht mehr aufhören daran zu denken, dass die Frau, die heute vor unserem Haus gestorben ist, heute morgen vielleicht genau wie ich müde und grummelig aus dem Bett aufgestanden ist. Vielleicht konnte sie auch ausschlafen und hat ausgeruht dem Tag entgegen gesehen.
Vielleicht hat sie noch halb im Schlaf die Kaffeemaschine angeschaltet, so wie ich. Oder sie ging ohne Frühstück aus dem Haus.
Vielleicht hatte sie gereizte Gedanken auf ihrem Weg zur Arbeit. Hat an die kleinen Nervigkeiten des Alltags gedacht, an die anstrengende Woche, die vor ihr lag. So wie ich.
Oder sie ist schwungvoll in den Tag gestartet und hat in sich hinein gelächelt.

Als ich um 13 Uhr in der Mittagspause auf der Parkbank saß, ein Buch las und mir das Gesicht von der warmen Sonne wärmen ließ, war die Frau noch am leben. Als ich mir um 14 Uhr meinen Nachmittagskaffee machte, war sie tot.
Direkt vor meinem Haus, wo ich heute morgen noch mit dem Fahrrad los gefahren bin und den Kopf voller Montagsgedanken hatte.

Drei Stunden später gab es eine neue Meldung in der Presse mit weiteren Details zum Unfallhergang. Die Öffentlichkeit hat erfahren, dass die Frau auf einem Fahrrad gesessen war und das ein LKW mit Sattelschlepper am Unfall beteiligt war. Dass es in einer Kurve geschah. Dass der hintere Teil des Sattelschleppers die Frau erfasst und vom Fahrrad geschleudert hat. Dass sie noch am Unfallort verstarb. Drei Stunden später war die Frau noch nicht identifiziert.
Irgendwo in der Stadt, irgendwo auf der Welt, waren ein Mann oder Kinder, eine Schwester, ein Bruder, eine Mutter, ein Vater, die alle irgendwelche belanglosen Montagsdinge machten und Montagsgedanken dachten und nicht wussten, dass ihre Frau, ihre Mutter, ihre Schwester, ihre Tochter gerade gestorben war. Dass sie nicht mehr auf dieser Welt war.
Seit drei Stunden.
Was bis zu diesem Zeitpunkt ungesagt geblieben ist, bleibt für immer ungesagt. Kein Abschied. Keine großen Gesten. Kein großes Kino.
Kein letzter Händedruck. Keine tröstliche Anwesenheit.
Keine gemeinsamen Augenblicke vor dem Nichts.

Abends dann Kerzen im Dämmerlicht. Und Blumen. An der Stelle, an der die Frau vor unserem Haus starb.
Und irgendwo ein Mann, ein Sohn, eine Tochter, eine Mutter, eine Schwester, ein Bruder, ein Vater, die nun wissen, dass die Frau für immer verschwunden ist.

Ich stehe in dieser Straße, auf der ganz normal die Autos fahren. Die Fahrräder. Wo die Fußgänger die Straße überqueren. Manche bei Grün, manche rennend bei Rot. Alles wie zuvor. Alles wie es gestern war.
Bis auf drei rote Kerzen und Blumen.

Und ich bin plötzlich traurig und dankbar zugleich.
Plötzlich dankbar für die schlaflose Nacht.
Schlaflos, weil du und ich so lange über unseren kindischen Disput geredet haben, bis wir aufhören konnten uns kleine Gemeinheiten an den Kopf zu werfen, uns gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben, uns zu versöhnen und einzusehen, dass der Grund für den Streit nicht wichtig war.
Ein trotziger Gute-Nacht-Kuss. Und dann eine kurze Nacht.

Ich weiß, ich gehe dir oft auf die Nerven mit meinen Ich-liebe-Dichs. Meinen Umarmungen, meinen Küssen, meinen Kosenamen. Du denkst, ich will dich ärgern, wenn ich dich von der Seite unaufhörlich anstarre, während du Videospiele zockst. Aber ich sammle Momente.
Ich sammle Momente und Wörter und gute Gedanken. Weil ich Angst habe irgendwann diese Frau zu sein. Und alles bliebe ungesagt, was ich dir vielleicht sagen will. Manche Umarmung bliebe unumarmt. Mancher Kuss ungeküsst. Vergeudete Gelegenheiten. Verspielte Zeit.

Wir haben Angst vorm Altwerden. Überlegen uns Strategien, wie wir die Jugend erhalten können. Altern ist Tabu.
Aber wie gerne würde man doch so richtig, richtig alt sein. Faltig und runzlig wenns sein muss. Aber alt und zusammen. Wenn man im Gegenzug nur nicht zur falschen Zeit an einem falschen Ort in einem unaufmerksamen Augenblick in einer Kurve aus dem Leben geschleudert werden würde. Wenn mir jemand garantieren könnte, dass ich nie auf der einen oder anderen Seite stehen müsste, dann würde ich mit Freuden die älteste alte Oma mit grauen Haaren und Falten und Runzeln werden, die es gibt.

Und wenn du dann an meiner Seite stündest. Als alter, faltiger, runzliger Opa mit dickem Bauch und Stoppelkinn und ich dir immernoch ständig "Ich liebe dich" sagen, dich umarmen, dich küssen kann, auch wenn es dich nervt. Wir dann immernoch über Kleinigkeiten streiten und nicht eher das Licht ausmachen, bevor wir den Streit nicht geklärt und uns einen Gute-Nacht-Kuss gegeben haben.

Dann hätten wir doch verdammt großes Glück gehabt.


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