Dienstag, 28. April 2015

Mobbing trifft nicht nur die Schwachen

So meine Lieben, endlich haben es auch ein paar kluge Köpfe in einer Studie belegt: Mobbing kann schlimmer sein als körperliche Gewalt. Schreibt heute SPIEGEL online und bezieht sich dabei auf eine im Fachblatt "Lancet" publizierte Studie zu diesem Thema.

Demnach hat ein_e 18-Jährige_r eine 13-prozentige Wahrscheinlichkeit eine Angststörung auszubrüten, wenn er_sie in seiner_ihrer Teenager- und Kinderzeit von Gleichaltrigen gemobbt wurde. Hat der_die Unglückliche "nur" Misshandlungen erlebt, hat er_sie "lediglich" eine 10-prozentige Chance in den Genuss einer Angsterkrankung zu kommen. Oder einer Depression. Oder sonstigen Späßen. Ja fein!

Ich war auch so eine 18-Jährige mit Mobbingvergangenheit, die kurz nach ihrer Volljährigkeit die unvergleichliche Erfahrung ihrer ersten Panikattacke (von vielen) machen durfte. Fast schon tröstlich nun zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit recht hoch war, dass mir das passiert und das nicht einfach daran lag, dass ich "nun mal labil" war.
Denn um ehrlich zu sein: Ich war eigentlich kein besonders sensibles Kind und eigentlich auch kein "prädestiniertes" Mobbingopfer.

In der Therapie werden solche Sachen natürlich aufgearbeitet. Packt man in der Sitzung seine Mobbing-Vergangenheit aus, kann man förmlich sehen, wie es im Gesicht des Psychologen_der Psychologin "Bingo" macht. Es kommt nun mal nicht von ungefähr. Aber man verzweifelt an der ewigen Frage "Warum ich?". Denn es gibt darauf einfach keine plausible Antwort.

Problematisch ist - und ich kann natürlich nur aus persönlicher Erfahrung sprechen - dass es einen in einem Lebensabschnitt trifft, in dem man erst ganz am Anfang der Selbstreflexion steht. Als Kind macht man sich nur wenige Gedanken über sich selbst. Das mit dem Selbstzerfleischen ist da noch nicht so das Thema. Man wird also 12, 13 Jahre alt, nimmt irgendwie zur Kenntnis, dass man sich zu verändern beginnt, fragt sich, was das wohl zu bedeuten hat - und trifft unvermittelt auf eine Masse Gleichaltriger, die dich ansehen und alle zum gleichen Schluss kommen:

Du bist hässlich.
Du bist fett.
Du bist einfach grundsätzlich scheiße.

Was du aber wirklich bist: Du bist 13 Jahre alt. Und du denkst dir: "Wenn die alle das gleiche sagen, muss es ja stimmen." Und dann geht der Spaß los.

Du versuchst es ab jetzt "richtig" zu machen, damit das Urteil der überwältigenden Mobber-Mehrheit milder über dich ausfällt. Ein Kampf gegen Windmühlen. Auf einen ruhigen Tag folgt ein weiterer Spießrutenlauf. Vielleicht hattest du einen Pullover an, der den anderen aufgefallen ist. Oder du hast dir im Unterricht einen Versprecher geleistet und hörst sie aus den hinteren Reihen kichern. Vielleicht hast du jemanden zu lange angeschaut. Oder du hast eine neue Hose an. Alles kann dir zum Fallstrick werden und den anderen neue Gelegenheit zum Lästern geben.
Und das Problem ist: Die wollen ja gar nicht, dass du es "richtig" machen kannst, aber das geht natürlich nicht in deine unsichere 13-jährige Birne. Du glaubst naiv an die Objektivität der Masse. Und die objektive Masse hämmert dir wiederholt ins Hirn: 

Du bist hässlich.
Du bist fett.
Du bist einfach grundsätzlich scheiße.

Mit solchen Gedanken erwachsen zu werden ist nicht gut. Das kann ja auch nix werden. Dafür muss man nicht besonders schwach oder sensibel veranlagt sein. Es ist ein Lernprozess. Wenn du jeden Tag die Schulbank drückst, bleibt mit der Zeit auch beim unwilligsten Schüler etwas hängen.

Ich habe meine Teenagerzeit mit dem stetigen Bemühen verbracht, möglichst wenig negativ aufzufallen - also möglichst gar nicht aufzufallen. Ich habe mir nach Schulschluss nur einen grünen Apfel genehmigt - und habe mich selbst fertig gemacht, wenn der Hunger mal größer war. Habe mich zu Hause versteckt, weil ich nicht wollte, dass mich Menschen auf der Straße sehen. Ich bildete mir ein, Mitleid in den Gesichtern fremder Menschen zu sehen, weil ich ja so hässlich war. 

Bald haftete mir von Lehrerseite der Eindruck an ich sei schüchtern.
Ich war nicht schüchtern - ich war still. Und das mit Absicht. Und wenn ich gekonnt hätte, wäre ich am liebsten unsichtbar gewesen. 

Nach drei Jahren war es plötzlich vorbei. Einfach so. Die, die mich die Jahre zuvor beschimpft und gemobbt hatten, taten plötzlich so, als wäre nichts gewesen. Sie taten nicht nur so - für sie war es nichts. Die Aufmerksamkeit hat sich anderen Dingen zugewandt - Thema abgehakt.
Nur für mich war das Thema nie abgehakt. Das geistige Sich-Selbst-Ohrfeigen führte ich ab diesem Zeitpunkt nur allein weiter. Das Denkmuster war ja vertraut.

Ich wurde nie körperlich misshandelt - nicht ein Mal in dieser Zeit. Aber die Worte, die Gesten, die Blicke haben etwas mit mir gemacht.

Das Ganze saß so tief, dass es ein paar Jahre dauerte, bis mir das Ganze um die Ohren flog. In der Zwischenzeit hatte ich ein paar Erfahrungen mit Jungs gesammelt, die mir alles andere als gut taten. Man war ja froh, wenn einen jemand irgendwie gut fand. Denn ganz pragmatisch weiß man ja, dass man nicht die besten Voraussetzungen hat, um einen "Guten" kennenzulernen.

Mit 18 hatte ich mein Leben dann im Griff. Ich war volljährig, hatte den Führerschein und hatte gerade die unvergleichliche Erfahrung gemacht, dass ich selbst Verträge abschließen konnte und hatte mich im Fitnessstudio angemeldet. Eigentlich war ich mit mir im Reinen, fand mich sogar gar nicht mehr so hässlich. War verliebt und hatte das ziemlich sichere Gefühl, dass er auch Interesse hatte - ein "Anständiger".

Und dann passiert es plötzlich. Gerade tritt man im Spinning-Kurs motiviert in die Pedale, als einem plötzlich die Sicht verschwimmt. Es wird einem schwindelig, das Herz rast, die Hände werden eiskalt und schwitzig und man weiß mit einem Mal "Ich sterbe jetzt."
Man stirbt aber nicht. Man hat eine Panikattacke. Man hat eine Angststörung.

Die Jungs und Mädels von damals, die so objektiv den Stab über meinem 13-jährigen Ich gebrochen hatten, hatten das längst vergessen, dachten keine Sekunde lang mehr an mich. Aber ich dachte jeden Tag an sie, an jeden Einzelnen. Immer wenn ich in den Spiegel sah, sahen sie mich durch meine Augen ebenfalls an und fällten ihr Urteil. Immer und immer wieder.

Das sind Wunden, die keiner sieht. Die, die sie dir zufügen, sehen sie nicht und du selbst siehst sie nicht. Aber wenn man das Pech hat zu den bedauernswerten 13 Prozent der 18-jährigen ehemaligen Mobbingopfer zu gehören, dann lernt man die Mobbingwunden irgendwann in Form von Angststörungen kennen.

Bingo.

Die gute Nachricht ist: Man kann auch an einer Angststörung wachsen. Man muss vielleicht sogar.
Das ist auch ein Lernprozess.

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