Neulich sitze ich so bei meinem Arzt.
Er hinter seinem Schreibtisch, die Ellenbogen zwischen dem Gipsabdruck eines Lendenwirbels und einer ansehnlichen Spritzensammlung aufgestützt.
Ich ihm gegenüber mit einer Ladung Hepatitisimpfstoff im Arm.
Wir überlegen gemeinsam, welche Impfungen ich mir in nächster Zeit noch in die Blutbahn jagen sollte.
"Masern/Mumps/Röteln!" schlage ich vor.
Und dann - völlig unvermittelt - als ob mir jemand unerwartet eine zweite Hepatitisspritze in den Rücken rammt fragt der Arzt: "Wollen Sie Kinder?"
Ich mein, klar, Röteln und so, weiß man ja, dass das nicht gut ist bei ner Schwangerschaft. Trotzdem ist mein Misstrauen geweckt. Ich antworte, betont lässig: "Irgendwann ....?" und lasse das so als Frage im Raum schweben. Das soll ausdrücken, dass ich keinen akuten Kinderwunsch hege, mir aber die Möglichkeit für einen Tag in ferner Zukunft offen lasse.
Und schon sitzt die nächste imaginäre Spritze in meinem Nacken:
"IRGENDWANN!!! Sie sind 27! Mit 35 Kinder kriegen ist nicht optimal!"
Ou. Kay.
Das war für mich eine Premiere. Ich bin daran gewöhnt, dass man mich für jung hält. ICH halte mich für jung. Klar, hab ich schon Texte von kessen Frauen Mitte 30 mit der Aussage "Pah, ich habe keine Lust auf Kinder und fühl mich gut dabei" gelesen. Hab aber bislang nicht so wirklich geglaubt, dass das auch mein Thema sein könnte.
Hat man mit 27 einen Kinderwunsch zu hegen? Gehört man zu denen, die nie Kinder haben, wenn man mit 27 noch keine Kinder will? Sind die Mitte- bis Endzwanziger so die Zeit im Leben einer Frau, in der sich die Spreu vom Weizen bzw. die Muttertiere von den Karriereweibchen trennt (Wenn wir mal davon ausgehen, dass die wenigsten WIRKLICH sowohl Vollzeitmama als auch Karriereweibchen sein können)?
Hat sich gerade ein kurzes und filigranes Zeitfenster geöffnet, in dem man einen Kinderwunsch haben muss, oder man bleibt für immer kinderlos?
Hm.
Also wenn dem so ist, war mir das nicht klar.
Und ich hab auch gar keine Zeit, mir da dezidiert Gedanken zu machen, denn mein Arzt ist grade ganz von der Rolle.
"Die jungen Leute heutzutage meinen immer, sie geben ihre Freiheit auf, wenn sie Kinder kriegen. HA! Freiheit!" (Bei "Freiheit" verstellt er die Stimme und zieht die Mundwinkel nach unten als sei das was Ekliges.)
Und dann: "Die WAHRE Freiheit ist, die Verantwortung zu haben, sich um so ein GESCHÖPF kümmern zu dürfen!"
Es folgt eine längere Passage, in der er mir und dem Freund - der übrigens neben mir sitzt, allerdings seit dem Beginn des Kinderthemas zur Salzsäule erstarrt ist - seine beiden Sprösslinge ausführlich beschreibt.
Eine Weile später werden wir entlassen mit den Worten "Sie haben ja noch ein paar Impfungen vor sich. Da werd ich Sie schon noch überzeugen!"
Ich weiß, dass mein Arzt einen an der Klatsche hat. Aber deswegen mag ich den ja eigentlich so. Die Arztpraxis ist für mich nämlich auch Panikattackenterrain, da ist es ganz praktisch, wenn der Doc die Stimmung ein bisschen auflockert.
Locker bin ich allerdings nicht, als ich nach diesem Gespräch die Praxis verlasse.
Ich frage mich ernsthaft, ob ich jetzt Mutter werden wollen soll, wenn ich jemals Mutter werden will.
Ein Wendepunkt in meinem Leben.
Bislang war ich so eine, die aufgeregt die leeren Bläschen in ihrem rosa Antibabypillenblister gezählt hat, vor lauter Angst, sie könnte eine vergessen haben. (Katastrophe! Ein Baby! Damit verbaut man sich ja die ganze Zukunft! Was sollte nur aus mir werden!)
Zuhause werde ich von einer Freundin sehr rasch telefonisch getröstet. Es sei doch gar nicht schlimm, wenn man keine Kinder will. Kinder sind nun mal nicht für jeden die Erfüllung.
Hat sie ja recht.
Aber was ist denn, wenn man Kinder will - nur noch nicht JETZT? Und wenn "jetzt" bedeutet "man ist 27"?
Das Dilemma ist nämlich Folgendes: Wenn ich an mich selber in 40 Jahren denke (ich bin 67), dann lächle ich selig bei der Vorstellung, wie ich im Schaukelstuhl meinen Enkeln Geschichten vorlese. Aber ich kann mir mich nicht als kinder- und enkellose 67-jährige vorstellen. Das fänd ich schlimm.
Genausowenig kann ich mir aber momentan vorstellen, wie ich in 10 Jahren (ich bin 37) im Schaukelstuhl meinen Kindern Geschichten vorlese.
Dabei ist doch klar, dass man zum Enkelhaben erst mal Kinder haben muss.
Verzwickte Lage.
Einer anderen Freundin klage ich ebenfalls mein Leid. Erzähle ihr aber vollmundig von meinen Plänen, die ich vorm Kinderkriegen noch erreichen will. Dabei spielt Reisen eine Hauptrolle. Die Art Reise, die einen nicht in ein nettes All inclusive-Hotel mit Mini-Club und durchgetaktetem Animationsprogramm führt. Zum Beispiel Bali.
Meine Freundin hat jedoch nur ein schiefes Lächeln für mich übrig: Ich würde doch sowieso niemals zufrieden sein und sagen "So, jetzt setze ich mich zur Ruhe, denn ich habe alles erreicht."
Hat sie ja recht.
Und was ist die Alternative?
Einer meiner Kollegen hat sich mit 35 Jahren mit seiner Frau ein Reihenendhaus gekauft und Zwillinge bekommen, weil er sich gesagt hat "Entweder bekommen wir jetzt Kinder oder nie." Und sie bekamen Kinder. Beklagen tut er sich niemals. Aber ist er glücklich? Müde ist er zumindest oft. Und er braucht über ne Stunde zur Arbeit, weil das Reihenendhaus nur in einem ganz winzigen Kaff ganz weit weg erschwinglich war. Aber immer wenn er von seinen beiden kleinen Töchtern spricht, kriegt er leuchtende Augen.
Eine andere Freundin von mir wird dieses Jahr noch ein Baby kriegen. War nicht ganz so geplant. Vor einigen Monaten haben wir noch darüber gesprochen, ob sie und ihr Verlobter tatsächlich schon heiraten wollen. Sie wäre gerne noch ein bisschen gereist, auch gerne nochmal so richtig lange im Ausland gewesen. Nun ist sie schwanger. Die Hochzeit ist jetzt eh nur noch Formsache und fürs nächste Frühjahr angesetzt und gerade suchen sie ein Einfamilienhaus. Und obwohl ich im ersten Moment dachte "Ohweh, wenn mir das passiert wäre!", ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich ein bisschen neidisch bin. Sie strahlt neuerdings so eine Ruhe aus.
Und dann gibt es noch dieses befreundete Pärchen mit der Dreijährigen. Ich finde die Kleine fies. Sie schlägt einen und tut immer das Gegenteil von dem, was sie soll und macht Dinge kaputt. Ihre Mama ist fertig mit den Nerven und lechzt immer nach den wenigen Abenden, die wir uns mal freischaufeln können. Und ich bin immer schon ganz fertig mit den Nerven, wenn ich mit der Kleinen längere Zeit im selben Raum bin und ich denke mir: Das könnte ich nie.
Wenn wir dann wieder allein sind, der Freund und ich, fallen wir uns immer glücklich in die Arme und freuen uns, dass wir keine Eltern sind.
Aber heißt das, dass wir vielleicht nie Eltern werden (wollen)?
Wieder eine andere Freundin steckt mir direkt, dass sie einfach findet, ich und der Freund seien noch nicht reif genug für Kinder. Ich muss einen kurzen Moment überlegen, ob ich beleidigt bin.
Bin ich nicht. Reife bedeutet ja letztendlich, dass ich mich in einer Entwicklung befinde, die womöglich noch nicht abgeschlossen ist. Das heißt mein Kinderwunsch kann noch reifen (solang meine Eierstöcke nicht so viel schneller reifen, dass die schon Fallobst sind, wenn ich mal Kinder will).
Und dann sind wir am selben Abend noch zu Besuch bei einem Freund, dessen Katze am Tag zuvor drei Kätzchen zur Welt gebracht hat.
Und mir schießt fast instant die Milch ein und die Mutterhormonproduktion läuft auf Hochtouren. Menschenbabys haben das bisher jedenfalls noch nicht geschafft, aber gut zu wissen, dass es theoretisch funktioniert.
Also zur Not kann ich ja in 40 Jahren immer noch im Schaukelstuhl sitzen und kleinen Katzen was vorlesen - das funktioniert auf jeden Fall. Schrullige Katzenomas sind sowieso viel besser als ihr Ruf.